Dennis Kelly gehört derzeit, gerade auch in Deutschland, zu den meistgespielten britischen Autoren. Nach jeder Inszenierung, jedem neuen Stück, stellt sich jedoch immer lauter die Frage, warum das so ist. Kellys Texte sind oft nicht viel mehr als Skizzen, Handlung und Dialoge nicht selten plakativ, die Figurenentwicklung im besten Fall rudimentär vorhanden.
Bei "Liebe und Geld" ist das nicht anders. Da geht es, passend zum Thema des diesjährigen Theatertreffens, um den im Titel annoncierten Gegensatz. Jess, eine kaufsüchtige Ehefrau, hat sich umgebracht, David, ihr Mann, hat nachgeholfen. Erzählt wird die Geschichte durchaus souverän episodenhaft in mehreren Zeitsprüngen.
Das Niveau dieser Episoden ist dabei äußerst uneinheitlich: So sind die Ein- und Ausgansszenen äußerst eindringlich sind, da sich in ihnen der titelgebende Gegensatz aus den von den Protagonisten mehr erzählten als gespielten Geschichten ergibt. Da lässt sich der Ehemann von einer neuen Bekanntschaft seine Vorgeschichte in allen erschütternden Details abringen, da erzählen Jess' Eltern, wie sie das prunkvolle Grabmal neben dem Grab ihrer Tochter zerstört haben, weil sie es als Herabwürdigung ihrer Tochter empfanden, da kommt schlussendlich Jess selbst zu Wort, in ihrer Sehnsucht, Verzweiflung und Hilflosigkeit.
Da bricht der existenzielle Konflikt, der im Titel angelegt ist, unmittelbar hervor, weil er aus den Figuren und ihrem Schicksal erwächst und dieses bestimmt. Kimmig inszeniert das sehr zurückhaltend und gibt dem ausgezeichneten Ensemble genug Raum, diese existenzielle Bedrohung auszuspielen. Kimmig und seinen Darstellern gelingt es hier, eine Unmittelbarkeit zu schaffen, die den Zuschauer nicht kalt lässt.
Dem stehen jedoch andere Szenen gegenüber, die plakativ den Gegensatz illustrieren, mit Figuren, die Abziehbilder bleiben, und Geschichten, die in ihrer Plumpheit aus einer TV-Seifenoper stammen könnten. Das führt zu einer langen, quälenden Dursstrecke, die dem Stück jede Balance nimmt.
Am Ende bleibt eine gewisse Kälte und Leere, auch eine Beliebigkeit, die auch Kimmigs Regie nicht verschont. Die plakativen, karikierenden Szenen inszeniert er mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie die starke, psychologisch stimmige Rahmenhandlung. Das entwertet diese und führt dazu, dass der Zuschauer irgendwann das interesse verliert.
Auch der Kimmig-typische Gerüstkubus (Bühne wie meistens: Katja Haß), der eine Wohnsituation andeutet, ist letztlich auswechselbares Versatzstück und trägt nichts zuir Wirkung der Aufführung bei. So bleiben starke Darstellerleistungen (Daniel Hoevels und vor allem Susanne Wolff) und ein paar berührende Szenen, die andeuten, was eine kritischere Inszenierung aus diesem sehr uneinheitlichen Stück hätte machen können.
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June 02, 2010
May 01, 2010
Dennis Kelly: DNA, Deutsches Theater (box+bar), Berlin (Regie: Annette Pullen)
Ein Junge wird von einer Gruppe Mitschüler erniedrigt und gequält, das "Spiel" eskaliert, der Junge stirbt (vermeintlich). Was dann passiert, ist Gegenstand des 2007 uraufgeführten Stückes, das Annette Pullen jetzt mit Schauspielschülern der Universität der Künste auf die Bühne gebracht hat. Eine leere Bühne mit einem einsamen hölzernen Hochsitz im Vordergrund. Auf dem sitzen die beredte Leah und der schweigsame Phil. Zwei, die zunächst gar nicht Teil der Gruppe sind, bald aber vom Sog der Ereignisse in deren Mitte gezwungen werden. Warum bleibt ebenso unklar wie vieles in diesem Stück.
Der Beginn ist stark, das tödliche Spiel mit Adam, dem Opfer, hervorragend choreographiert, ein brutaler, zynischer Tanz, der in Erstarrung endet, Adam steigt aus, die Zeit hält an. Danach vergibt Kelly jedoch die Chance, ein eindringliches Stück über Machtverhältnisse, Gruppendynamik, Mitläufertum, Feigheit und Angst zu schaffen. Was die Schuld den Schuldigen antut, bleibt Skizze, Andeutung, die Figuren werden nicht ausgearbeitet, sie bleiben Schemen, Typen im besten Fall. Die Darsteller machen das beste daraus, überzeichnen ein wenig, um den mageren Gehalt der Figuren sichtbar zu machen, doch was Bewegung, Entwicklung, Krise sein sollte, bleibt seltsam statisch.
Die stärksten Momente sind die stillen, in denen Pullen und ihr Ensemble ohne Kellys Text auskommen. Wie hier Angst und Hilflosigkeit, Schuld und Freude an Gewalt und Erniedrigung choreographiert wird, deutet an, wieviel mehr in diesem Stoff gesteckt hätte. Diese Momente machen ein Versprechen, das Kellys Stück nicht einlöst.
Der Beginn ist stark, das tödliche Spiel mit Adam, dem Opfer, hervorragend choreographiert, ein brutaler, zynischer Tanz, der in Erstarrung endet, Adam steigt aus, die Zeit hält an. Danach vergibt Kelly jedoch die Chance, ein eindringliches Stück über Machtverhältnisse, Gruppendynamik, Mitläufertum, Feigheit und Angst zu schaffen. Was die Schuld den Schuldigen antut, bleibt Skizze, Andeutung, die Figuren werden nicht ausgearbeitet, sie bleiben Schemen, Typen im besten Fall. Die Darsteller machen das beste daraus, überzeichnen ein wenig, um den mageren Gehalt der Figuren sichtbar zu machen, doch was Bewegung, Entwicklung, Krise sein sollte, bleibt seltsam statisch.
Die stärksten Momente sind die stillen, in denen Pullen und ihr Ensemble ohne Kellys Text auskommen. Wie hier Angst und Hilflosigkeit, Schuld und Freude an Gewalt und Erniedrigung choreographiert wird, deutet an, wieviel mehr in diesem Stoff gesteckt hätte. Diese Momente machen ein Versprechen, das Kellys Stück nicht einlöst.
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April 24, 2010
Dennis Kelly: Taking Care of Baby, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regisseur: Sascha Hawemann)
Eine Frau, deren zwei Kinder gestorben sind, ein Verdacht, eine Verurteilung, ein Freispruch in der Revision, ein umstrittener Psychiater und eine zerbrochene Familie: Das ist der Stoff, aus dem Dennis Kellys 2007 in London uraufgeführtes Stück ist. Und doch geht es um anderes: Um nichts weniger als die Wahrheit, ihre Möglichkeit oder Unmöglichkeit und die Frage, ob es so etwas überhaupt gibt. Oder besser: ob es die eine Wahrheit, einer der Grundfesten mesnschlichen Denkens und wohl auch Zusammenlebens überhaupt geben kann.
Kelly hat das Stück im Stile des dokumentarischen Theaters geschaffen. Wir hören O-Töne der Protagonisten, aufgezeichnet in Interviews und Briefen und auf die Bühne gebracht. Nichts sei geändert worden, so das Verdikt des Autors zu Beginn. Die Figuren bekommen Gelegenheit, ihre Geschichten zu erzählen,ihre Wahrheiten zu verkünden. Und ihre Stories sind in sich geschlossen und glaubwürdig. Kelly vergibt keine Sympathien oder versucht dies zumindest. bErsstellt diese Wahrheiten vor, statt sie zu bewerten. Am Ende entsteht ein polyphones Konzert sich widersprechender Wahrheiten, ohne dass ihre Wertigkeit unterschiedlich gewichtet wäre.
Und nicht nur das: Auch das Theater steigt in den Prozess des Hinterfragens von wahr- und Gewissheiten mit ein. Denn natürlich ist dies keine wahre Geschichte, sondern komplette Fiktion, auch wenn sie von tatsächlichen Fällen inspiriert ist. Doch: Die Interviews, die hier inszeniert werden, haben nie stattgefunden. Ein hochinteressantes und komplexes Stück.
Sascha Hawemann hingegen, Regisseur der deutschen Erstaufführung, macht es sich viel einfacher. Was bei Kelly ein Labyrinth persönlicher Wahrheiten ist, wird hier zum simplen, ja plumpen Gegensatz von Wahrheit und Lüge. Hawemann vergibt Sympathien, er macht klar, wer recht hat, welche Geschichte stimmt, er wertet, wo Kelly nur zeigt. Er bewertet die Wahrheiten und stellt damit die Gewissheit wieder her, die Kelly ja auflöst: dass es so etwas wie eine gültige Wahrheit geben kann. Und so wird Kellys Stück zur einfachen Parabelvon Wahrheit und Lüge, die nichts hinterfragt. Auch nicht die Rolle des Theaters. So wird der Autor zur Figur und das Ganze seines Kerns bereaubt. Was bleibt, ist ein großartiges Ensemble (Meike Droste, Moritz Grove, Michael Schweighöfer, um nur die herausragenden zu nennen) und die Erkenntnis, das Potenzial des Stücks verchenkt zu haben.
Kelly hat das Stück im Stile des dokumentarischen Theaters geschaffen. Wir hören O-Töne der Protagonisten, aufgezeichnet in Interviews und Briefen und auf die Bühne gebracht. Nichts sei geändert worden, so das Verdikt des Autors zu Beginn. Die Figuren bekommen Gelegenheit, ihre Geschichten zu erzählen,ihre Wahrheiten zu verkünden. Und ihre Stories sind in sich geschlossen und glaubwürdig. Kelly vergibt keine Sympathien oder versucht dies zumindest. bErsstellt diese Wahrheiten vor, statt sie zu bewerten. Am Ende entsteht ein polyphones Konzert sich widersprechender Wahrheiten, ohne dass ihre Wertigkeit unterschiedlich gewichtet wäre.
Und nicht nur das: Auch das Theater steigt in den Prozess des Hinterfragens von wahr- und Gewissheiten mit ein. Denn natürlich ist dies keine wahre Geschichte, sondern komplette Fiktion, auch wenn sie von tatsächlichen Fällen inspiriert ist. Doch: Die Interviews, die hier inszeniert werden, haben nie stattgefunden. Ein hochinteressantes und komplexes Stück.
Sascha Hawemann hingegen, Regisseur der deutschen Erstaufführung, macht es sich viel einfacher. Was bei Kelly ein Labyrinth persönlicher Wahrheiten ist, wird hier zum simplen, ja plumpen Gegensatz von Wahrheit und Lüge. Hawemann vergibt Sympathien, er macht klar, wer recht hat, welche Geschichte stimmt, er wertet, wo Kelly nur zeigt. Er bewertet die Wahrheiten und stellt damit die Gewissheit wieder her, die Kelly ja auflöst: dass es so etwas wie eine gültige Wahrheit geben kann. Und so wird Kellys Stück zur einfachen Parabelvon Wahrheit und Lüge, die nichts hinterfragt. Auch nicht die Rolle des Theaters. So wird der Autor zur Figur und das Ganze seines Kerns bereaubt. Was bleibt, ist ein großartiges Ensemble (Meike Droste, Moritz Grove, Michael Schweighöfer, um nur die herausragenden zu nennen) und die Erkenntnis, das Potenzial des Stücks verchenkt zu haben.
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